Papst Benedikts überhörte Mahnungen

Ein Jahr nach seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag

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Am 22. September 2011 gab der als ehrgeizig bekannte Bundestagspräsident Norbert Lammert Papst Benedikt XVI. während dessen offiziellem Deutschlandbesuch die Gelegenheit, vor dem Deutschen Bundestag im Berliner Reichstag zu sprechen. Nicht wenige werden vom Thema, das der Papst gewählt hatte, überrascht gewesen sein. Erwartet worden waren insbesondere Ausführungen zur christlichen Ökumene. Der Papst hielt dagegen einen hochgelehrten Vortrag über die Bedeutung des Naturrechts. Er mahnte die Politiker, sich nicht an vordergründigen Erfolgskriterien, sondern am überzeitlichen Maßstab der Gerechtigkeit zu orientieren, indem er den in libertären Kreisen wohlbekannten Satz aus Augustinus’ „De civitate Dei“ zitierte: „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande.“ Diese Mahnung konnte angesichts wiederholter Rechtsbrüche beim Versuch der EU-Nomenklatura, ihre Kunstwährung Euro durch direkte und indirekte Enteignung der Sparer zu retten, aktueller nicht sein.

Das Recht gründe in einem Rechtsstaat nicht primär in mehr oder weniger zufälligen und ephemeren politischen Mehrheiten, sondern in Natur und Vernunft, betonte Papst Benedikt. Im Gegensatz zum heidnischen Götterglauben betrachte das Christentum Natur und Gewissen als universale Rechtsquellen. Der Papst grenzte sich damit ab von verschiedenen Formen des Rechtspositivismus, dessen bekanntester Vertreter in Deutschland der inzwischen fast vergessene Rechtsphilosoph Hans Kelsen war. Unausgesprochen wandte sich der Papst damit auch gegen das auf dem Gleichheitswahn (Egalismus) fußende „Gender mainstreaming“, die maßgeblich von der EU betriebene politische Gleichschaltung der Geschlechter. Die Ökologiebewegung fordere zwar, auf die „Sprache der Natur zu hören und entsprechend zu antworten.“ Es gebe jedoch auch eine menschliche Natur und somit auch eine Ökologie des Menschen: „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann… Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur achtet, sie hört…Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“ Deutlicher hätte Benedikt XVI. marxistische beziehungsweise feministische Umerziehungsversuche nicht zurückweisen können.

Der Kölner Theologe Clemens Breuer hat in einer Analyse der Rede Benedikts XVI. darauf aufmerksam gemacht, dass das Naturgesetz nicht nur eine „naturale“, sondern auch eine personale Struktur besitzt. Papst Benedikt verdeutlichte das, indem er erwähnte, dass auch Hans Kelsen im Alter von 84 Jahren dieser Einsicht auf die Spur kam, wenngleich er deren Konsequenzen zurückwies. Da Normen nur aus einem Willen kommen können, bemerkte Kelsen im Jahre 1965, könne die Natur nur dann Normen enthalten, wenn ihr Schöpfer diese in sie hineingelegt hätte. Darüber zu diskutieren, hielt der greise Rechtsphilosoph aber für völlig aussichtslos.

Einige Quantenphysiker wie vor allem Carl Friedrich von Weizsäcker und sein Schüler Thomas Görnitz sahen beziehungsweise sehen das freilich ganz anders. Am Anfang der Kausalkette stehen bei ihnen nicht Ur-Teilchen oder eine Ur-Kraft, sondern ein Wille, eine Quanteninformation. Auf neudeutsch: Im Ursprung des Seins steht nicht Hard-, sondern Software. Oder biblisch: „Im Anfang war das Wort… (Joh. 1.1) Nur dem göttlichen Willen ist es zu verdanken, dass beim „Urknall“ nicht ebenso viel Antimaterie wie Materie, das heißt das Nichts entstanden ist. Das Universum wird durch Information gesteuert. Es ist ein intelligent gestalteter Prozess, in dem sich Elementarteilchen ohne zeitliche Verzögerung, das heißt mit unendlich großer Geschwindigkeit gegenseitig beeinflussen können. Diese zunächst nur theoretisch postulierte Verschränkung und Nichtlokalität wird inzwischen bereits für erste Experimente mit dem Ziel des (abhörsicheren) „Beamens“ (Teleportierens) von Information genutzt. Die experimentell überprüfbare Tatsache der Verschränkung erklärt, wie Phänomene, die in der sinnlich erfahrbaren Raumzeit getrennt sind, auf gemeinsame Wurzeln außerhalb der Raumzeit zurückgehen können. Während sich Lebewesen voneinander abgrenzen müssen, gilt das nicht für das Bewusstsein. Das legt die Schlussfolgerung nahe, dass das Universum als Ganzes Bewusstsein, den kosmischen Logos besitzt. Unser Hirn produziert nicht Bewusstsein, sondern empfängt Botschaften des kosmischen Bewusstseins und nimmt somit an Prozessen teil, die unserem raumzeitlichen Denken nicht zugänglich sind. Der Mensch als Einheit von Bewusstsein und Leib ist über das Verschränkungsprinzip mit dem ganzen Universum verbunden.

Das soll nicht als naturwissenschaftlicher „Gottesbeweis“ missverstanden werden. Eines solchen bedürfen gläubige Christen gar nicht, weil Gott sich uns Menschen in Gestalt Jesu Christi offenbart hat. Es geht vielmehr um das dem Naturrecht zugrunde liegende Menschenbild, das auch von nichtchristlichen Kulturen geteilt wird. Danach gibt es eine vom Naturganzen abhängige Natur des Menschen, die nicht Objekt politischer Manipulation werden kann und darf. Grundlage eines freiheitlichen Gemeinwesens kann nur die Anerkennung der vom Schöpfer gewollten Natur des Menschen sein. Benedikt XVI. hat das in seiner (in Teilen umstrittenen, weil nicht gänzlich aus seiner Feder stammenden) Enzyklika „Caritas in veritate“ (2009) mit folgenden Worten ausgedrückt: „In allen Kulturen gibt es besondere und vielfältige ethische Übereinstimmungen, die Ausdruck derselben, vom Schöpfer gewollten Natur sind und die von der ethischen Weisheit der Menschheit Naturrecht genannt wird. Ein solches universales Sittengesetz ist die feste Grundlage eines jeden kulturellen, religiösen und politischen Dialogs und erlaubt dem vielfältigen Pluralismus der verschiedenen Kulturen, sich nicht von der gemeinsamen Suche nach dem Wahren und Guten und nach Gott zu lösen. Die Zustimmung zu diesem in die Herzen eingeschriebenen Gesetz ist daher die Voraussetzung für jede konstruktive soziale Zusammenarbeit.“ Für das „in die Herzen eingeschriebene Gesetz“ verwenden wir den Begriff „Rechtsempfinden“. Dieses hat, wie wir heute wissen, eine genetische Grundlage. Unseren nächsten „Verwandten“, den Schimpansen, fehlt diese Erbanlage offenbar.

Internet:

Benedikt XVI. Enzyklika „Caritas in veritate“

Benedikt XVI.: Ansprache vor dem Deutschen Bundestag

Clemens Breuer: Die Ökologie des Menschen

Edgar L. Gärtner: Was ist (Selbst-)Bewusstsein?

Thomas und Brigitte Görnitz: Die Evolution des Geistigen. Quantenphysik – Bewusstsein – Religion