Die Häresie der Häuslichkeit. Zur Öko-Enzyklika „Laudato si’“ von Papst Franziskus

Von Edgar L. Gärtner

Download„Zur rechten Zeit sendet der Papst ein starkes Signal für die Schöpfung.“ So beginnt die vom 18. Juni 2015 datierte Würdigung der Enzyklika „Laudato si’. Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ von Papst Franziskus durch den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. Der Erzbischof von München und Freising beeilt sich sodann zu unterstreichen, dass „Laudato si’“ an der kirchlichen Sozialverkündigung anknüpft, die im Jahre 1891 durch die Enzyklika „Rerum novarum“ von Papst Leo XIII. begründet wurde. Kardinal Marx weist auch auf die Enzyklika „Caritas in veritate“ von Papst Benedikt XVI. (2009) sowie auch auf Enzykliken seines großen Vorgängers Johannes Paul II. hin. Diese Betonung der Kontinuität in der kirchlichen Lehre ist wichtig, denn jeder sichtbare Bruch wäre in den Augen wirklich Gläubiger ein Hinweis darauf, dass nicht der heilige Geist, sondern sein Widersacher ein Lehrschreiben inspiriert hat. Deshalb bemüht sich auch Papst Franziskus in seinem ersten ganz von ihm selbst verantworteten Lehrschreiben demonstrativ um Anschluss an seine Vorgänger. Wer mit solchem Eifer die Kontinuität beschwört, provoziert allerdings die Frage, ob er damit nicht – bewusst oder unbewusst – einen Bruch kaschieren will.
Die Enzyklika beginnt mit einem Zitat aus dem Sonnengesang des heiligen Franziskus, des offenbar nicht ohne Hintergedanken gewählten Namenspatrons des Papstes: „Gelobet seiest Du mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.“ Der umbrische Kaufmannssohn Giovanni Battista Bernardone (1181/82 bis 1226), der von seinem frankophilen Vater Franzesco („Französchen“) gerufen wurde und diesen Namen auch als Mitglied des von ihm gegründeten Bettelordens behielt, war einer der Initiatoren einer mystischen Rückbesinnung auf den biblischen Geist der Liebe und Einfachheit, die im Hochmittelalter große Teile der Christenheit erfasste. Neben Franziskus gehörten der burgundische Zisterzienser-Abt Bernhard von Clairvaux (1090 bis 1153) und die mit ihm befreundete prophetische Benediktinerin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) zu den bekanntesten Vordenkern einer frommen Kirche, die sich von der durch Ämterkauf korrumpierten Hierarchie distanzierte.
Wie Franziskus waren beide glühende Befürworter der Kreuzzüge gegen den aggressiven Islam und andere Häresien. Franziskus nahm sogar selbst an einem der Kreuzzüge teil – freilich nicht, wie von ihm ursprünglich erträumt, als Ritter. (Er war durchaus kriegserfahren.) Im Gefolge des später heilig gesprochenen französischen Königs Ludwig IX. versuchte er im Jahr 1219 den ägyptischen Sultan Al-Kamil zum Christentum zu bekehren, um so den Frieden zu erreichen. Für den Fall eines Fehlschlags seiner Bemühungen hatte er seinen Märtyrer-Tod fest einkalkuliert. Er kam zwar lebend davon, erkrankte aber bald unheilbar infolge seiner extremen Askese. Eines scheint jedenfalls klar: Er wäre wohl der Letzte gewesen, der Kapitulation vor dem Feind und vor dem bornierten Zeitgeist der Political Correctness gepredigt hätte!
Franziskus, der in seiner Jugend mit dem Geld seines Vaters ein ausschweifendes Leben geführt hatte, war zweifelsohne ein Extremist, der die Askese nach seinem Berufungs-Erlebnis bis zur Selbstzerstörung trieb. Er war also vermutlich auch von nihilistischen Motiven getrieben. Doch die zu seinen Lebzeiten herrschenden Päpste Innozenz III. und Honorius III. sahen in ihm und seinen Anhängern (wohl zu recht) keine gnostischen Häretiker, die sie wie die zeitgleich wirkenden Katharer als Ketzer hätten verfolgen müssen, sondern wichtige Bündnispartner im Kampf gegen die laue und verfettete Fraktion der Amtskirche. Der heilige Bonaventura (1221 bis 1274) und andere Franziskus-Nachfolger wie vor allen der Dominikaner Thomas von Aquin (1225 bis 1274) verstanden es, die Exzesse ihres Lehrmeisters rasch zu korrigieren. Schon Hildegard von Bingen hatte sich in ihren Schriften gegen jegliche Leibfeindlichkeit ausgesprochen und ihren Nonnen strenge asketische Übungen untersagt. Sie hätte wohl besser als Gallionsfigur einer christlich begründeten Humanökologie getaugt als der in manchem grenzwertige Franziskus. Papst Benedikt XVI. hat versucht, durch die nachholende Heiligsprechung und Erhebung Hildegards zur Kirchenlehrerin ihrer Unterschätzung und gleichzeitigen Vereinnahmung durch die esoterische Öko-Bewegung des späten 20. Jahrhunderts entgegen zu wirken.
Erst nach dem II. Vatikanischen Konzil zwischen 1963 und 1965 gelang es mithilfe der Massenmedien, aus Franziskus den Prototyp eines Gutmenschen zu machen. Eine starke Fraktion von Bischöfen hatte dort versucht, die Lehre der Kirche dem „progressiven“ Zeitgeist anzupassen. Aufschlussreich ist das 1975 erschienene Franziskus-Buch „Bruder Feuer“ der deutschen Schriftstellerin Luise Rinser. Die Pazifistin, Tierrechtlerin und Tyrannen-Versteherin mit brauner Vergangenheit hat selbst in Zusammenarbeit mit dem mit ihr befreundeten Jesuiten-Theologen Karl Rahner beim II. Vatikanum mitgemischt. Der inzwischen heiliggesprochene Papst Johannes Paul II. und mit noch mehr Nachdruck sein oberster Glaubenswächter und späterer Nachfolger Kardinal Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) hatten zwar versucht, dass Schiff Weltkirche wieder auf geraden Kurs zu bringen, indem sie gegenüber der von den „Progressiven“ gepflegten Hermeneutik des Bruchs auf der Hermeneutik der Kontinuität bestanden. Aber viel Erfolg war ihren Bemühungen offenbar nicht beschieden.
Mit dem Rücktritt Papst Benedikts XVI. und der Wahl des mit der „Befreiungstheologie“ und mit der politischen Ideologie des Peronismus sympathisierenden argentinischen Jesuiten Jorge Mario Bergoglio zu seinem Nachfolger bekam die kulturrevolutionäre Interpretation des Vatikanum II allem Anschein nach wieder die Oberhand. In der Enzyklika „Laudato si’“ ist die Rede von der „Dringlichkeit, in einer mutigen kulturellen Revolution voranzuschreiten“ (114). Der Schriftsteller Martin Mosebach hat in seinem Essay-Band „Häresie der Formlosigkeit“ von 2002 meines Erachtens unmissverständlich dargelegt, warum sich in solchen Sätzen ein grundlegendes Missverständnis der Botschaft Jesu Christi offenbart. Jesus wollte sicher keine Revolution und erst recht keine neue Moral, sondern den Menschen den Weg zur Heiligkeit durch den Nachvollzug seines Opfertodes in der Eucharistie zeigen.

Der Fatalismus der Haus-Metapher

Die häretische Tendenz zeigt sich schon in der Gliederung des Lehrschreibens „Laudato si’“. Sein erstes Kapitel trägt die Überschrift „Was unserem Haus widerfährt“ (17ff.) Mit der Wahl der Haus-Metapher für die Bezeichnung des Lebensraums der Menschen legt sich der Papst bereits auf ein durchaus problematisches Verständnis von Ökologie fest. Zwar bedeutet der Begriff „Ökologie“, wörtlich übersetzt, tatsächlich „Haus-Wissen“. Doch legt man sich auf eine statische Weltsicht fest, wenn man dabei stehen bleibt. Die Haus-Metapher verleitet dazu, die Welt als geschlossenes System, als Ansammlung ein für allemal gegebener Ressourcen zu sehen, mit denen haushälterisch umgegangen werden soll. Eine vom christlichen Menschenbild ausgehende Humanökologie müsste die Welt hingegen meines Erachtens als grundsätzlich offen betrachten. Denn die Menschen finden ihre Ressourcen in der Regel nicht einfach in der Natur vor, sondern müssen diese im wahrsten Sinne des Wortes erfinden. Was als Ressource gilt, hängt von ihrem Wissensstand ab. So landeten beispielsweise die so genannten seltenen Erden über Jahrhunderte auf den Abraumhalden des Bergbaus. Heute werden sie für die Elektronik benötigt und sind entsprechend wertvoll geworden. Nicht arithmetische Rationierung, sondern Kreativität (möglichst unter Anleitung des Ur-Schöpfers) ist hier also gefragt.
Papst Franziskus hingegen sieht die „Zeit irrationalen Vertrauens auf den Fortschritt und das menschliche Können“ zu Ende gehen. „Die Erde, unser Haus, scheint sich immer mehr in eine unermessliche Mülldeponie zu verwandeln“, schreibt er. Schuld daran sei die herrschende Wegwerfkultur. Diese nehme kriegerische Auseinandersetzungen infolge der Erschöpfung knapper Ressourcen in Kauf. Das entspricht in etwa dem Diskussionsstand der 1970er Jahre, der durch die vom „Club of Rome“ propagierte Computersimulationsstudie „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972 geprägt wurde. Im Grunde handelte es sich bei dieser Studie um nichts anderes als um eine Übersetzung des Werkes „An Essay on the Principles of Population“ (1798) des englischen Landgeistlichen und Ökonomen Thomas Robert Malthus in die Sprache der Postmoderne. Danach folgt die Bevölkerungsentwicklung dem Gesetz der unbegrenzten, das heißt exponentiellen Vermehrung, während sich die Unterhaltsmittel der Menschen nur arithmetisch, d.h. allmählich vermehren ließen. Werde das Bevölkerungswachstum nicht durch sexuelle Enthaltsamkeit, Krankheit und Tod gebremst, komme es wegen der Ressourcenerschöpfung zum Kollaps. Bei seinem atemlosen Lauf, um den grünen Zeitgeist einzuholen, landet der Papst also bei einer tausendfach widerlegten Theorie vom Ende des 18. Jahrhunderts.
Besonders deutlich wird das im Abschnitt über das „Klima als gemeinsames Gut“ (Absätze 23 ff.). Es war offenbar eine politische Entscheidung, die Analyse der globalen Umweltprobleme mit dem Thema „Klima“ zu beginnen. In dem vom bekannten dänischen Statistiker Björn Lomborg erarbeiteten „Kopenhagen Konsensus“ steht stattdessen die Trinkwasserversorgung der Armen an erster Stelle. Der Klima-Abschnitt der päpstlichen Öko-Enzyklika beginnt mit folgender, auch schon an anderer Stelle kritisierten, aber nicht in ihrer ganzen Tragweite erfassten Aussage: „Das Klima ist ein gemeinschaftliches Gut von allen und für alle. Es ist auf globaler Ebene ein kompliziertes System, das mit vielen wesentlichen Bedingungen für das menschliche Leben verbunden ist. Es besteht eine sehr starke wissenschaftliche Übereinstimmung darüber, dass wir uns in einer besorgniserregenden Erwärmung des Klimasystems befinden.“
Was ist hier mit „Klima“ gemeint? Der Begriff aus dem Altgriechischen bedeutet schlicht „Neigung“. In der Geografie wird er benutzt, um die durchschnittliche Wetterneigung einer Region über einen Zeitraum von 30 Jahren gegenüber einer anderen Region abzugrenzen. So ist unser gemäßigt ozeanisches Klima durch feuchtwarme Sommer und feuchtkühle Winter charakterisiert, das sich östlich daran anschließende Kontinentalklima durch trocken-heiße Sommer und kalte Winter. Rund ums Mittelmeer herrscht hingegen das mediterrane Klima, gekennzeichnet durch eine ausgeprägte Sommertrockenheit und feuchtmilde Winter. Noch weiter im Süden finden wir die trockene subtropische Klimazone und in der Nähe des Äquators schließlich den feuchten Tropengürtel.
In der Papst-Enzyklika ist „Klima“ offensichtlich nicht in diesem Sinne gemeint, sondern das „Weltklima“, das aus dieser Perspektive allerdings gar nicht definierbar ist, weil es zwischen den kalten, gemäßigten und warmen Klimazonen der Erde keinen gemeinsamen Nenner gibt. Wahrscheinlich meint der Papst mit „Klima“ die Durchschnittstemperatur über den Landflächen der Erde. Diese spielt allerdings für das Leben der meisten Menschen, Tiere und Pflanzen keine Rolle. Ausschlaggebend ist für sie der Jahresgang von Temperatur und Niederschlag eines bestimmten Standortes.
Der oben zitierte Satz offenbart überdies eine totale Konfusion zwischen den Begriffen „System“ und „Organismus.“ Die verwendete Bezeichnung „Klimasystem“ suggeriert, die Erde sei ein Organismus mit einer Art Thermostat, das dafür sorgt, dass die Durchschnittstemperatur annähernd konstant bleibt. Einen solchen Mechanismus gibt es zwar in den feuchten Tropen. Dort führt die aufsteigende feuchtwarme Luft regelmäßig zur Bildung von Gewittern, die für etwas Abkühlung sorgen. Deshalb bleibt dort die Temperatur immer unter 30 Grad Celsius – bei 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. Ob es auf globaler Ebene eine ähnliche negative Rückkoppelung gibt, ist noch nicht endgültig geklärt. In den Quellen, die der Papst und seine Mitarbeiter offenbar zu Rate gezogen haben, gilt sie aber als ausgeschlossen. Der „Weltklimarat“ (IPCC) und der neue Papstberater Hans-Joachim Schellnhuber, Chef des Potsdam Instituts für Klimafolgen-Forschung (PIK), gehen ja gerade davon aus, dass es anstelle einer negativen sogar eine positive Rückkoppelung zwischen den menschlichen Einträgen des „Treibhausgases“ Kohlenstoffdioxid (CO2) und dem in der Atmosphäre enthaltenen Wasserdampf gibt. Durch diese Rückkoppelung komme es zu einer Aufheizung der Atmosphäre, die bis zum Ende dieses Jahrhunderts das erträgliche Maß überschreiten werde, sofern die Menschheit in den kommenden Jahren keine energischen Maßnahmen zur Drosselung des CO2-Ausstoßes durch die Verbrennung von Kohle und Erdöl einleite.
Die Menschheit sei aufgerufen, tiefgreifende Änderungen ihres Produktions- und Konsumstils einzuleiten. Der Norden müsse seine „ökologische Schuld“ gegenüber dem Süden abtragen. „Die Erwärmung, die durch den enormen Konsum einiger reicher Länder verursacht wird, hat Auswirkungen in den ärmsten Zonen der Erde, besonders in Afrika, wo der Temperaturanstieg vereint mit der Dürre verheerende Folgen für den Ertrag des Ackerbaus hat“, heißt es in der Enzyklika. Diese schließt sich damit der verlogenen Weltsicht der Grünen an. Denn real hat das in Teilen Afrikas herrschende Elend mit unserem Wohlstand wenig zu tun, sondern eher mit den politischen Verhältnissen nach der Entkolonialisierung. Der steigende CO2-Gehalt der Atmosphäre hat sogar zum Ergrünen der Sahelzone und zu steigenden Agrar-Erträgen im südlichen Afrika geführt.
„Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so schlecht behandelt und verletzt wie in den letzten beiden Jahrhunderten“, heißt es im Absatz 53 der Enzyklika. Doch gerade in diesen beiden Jahrhunderten hat sich das Leben der Menschen (auch der Armen), trotz einiger Rückschläge infolge des Wirkens böser Menschen, entscheidend verbessert. Ihre mittlere Lebenserwartung ist von 30 auf über 70, in den reichen Ländern über 80 Jahre gestiegen. Die Zahl der Hungernden und in extremer Armut lebenden hat sich halbiert, ebenso die Kindersterblichkeit. Die medizinische Versorgung der Menschen hat sich nicht nur in den wohlhabenden Ländern, sondern weltweit entscheidend verbessert. Anders wäre die im Weltdurchschnitt verdoppelte Lebenserwartung nicht erklärbar. Möglich wurden diese Fortschritte durch ein phasenweise explosives Wirtschaftswachstum.
Doch damit scheint der Papst Probleme zu haben: „Dieses Wachstum setzt aber die Lüge bezüglich der unbegrenzten Verfügbarkeit der Güter des Planeten voraus, die dazu führt, ihn bis zur Grenze und darüber hinaus ‚auszupressen’“. Hier zeigt sich der Grundirrtum des Malthusianismus in konzentrierter Form. Tatsächlich haben die Menschen bislang keine einzige Nutzungsform eines nicht erneuerbaren Rohstoffs wegen dessen Erschöpfung aufgeben müssen, sondern in der Regel, weil sie etwas Besseres gefunden haben. Bei der einzigen ideal erneuerbaren Ressource, dem Trinkwasser, gibt es hingegen in manchen Regionen der Erde eine reale Verknappung. Aber die ist dann keine Folge menschlicher Unersättlichkeit, sondern Folge gesellschaftlicher Unordnung.
Nur scheinbar entspricht die Aussage, in einem begrenzten System sei kein unbegrenztes Wachstum möglich, dem gesunden Menschenverstand. Denn es geht beim Wirtschaftswachstum nicht in erster Linie um die Anhäufung materieller Güter und einen entsprechenden Verbrauch von Rohstoffen, sondern um die Wertschöpfung, die vor allem von unserer subjektiven Wertschätzung abhängt. Zu behaupten, dem wirtschaftlichen Wachstum seien objektive Grenzen gesetzt, zeugt deshalb von größerem Hochmut als die Behauptung, die Welt sei grundsätzlich offen.

Ein Mittelwert als „gemeinschaftliches Gut“

Kann ein Temperatur-Mittelwert, also eine statistische Größe als „gemeinschaftliches Gut“ angesehen werden – zumal, wenn bekannt ist, dass es auch in der Vergangenheit ohne menschliches Zutun beträchtliche Abweichungen von diesem Wert gab? Kann ein System von Differenzial- beziehungsweise Differenzengleichungen („Klimasystem“) und eine damit operierende numerische Computersimulation als Teil der schützenswerten Schöpfung gelten? Die Antwort liegt meines Erachtens auf der Hand. Alle Systeme sind, im Unterschied zu Organismen, die ohne unser Zutun entstanden sind, Schöpfungen unseres begrenzten Menschenverstandes. Das gilt nicht nur für technische Systeme wie Smartphones oder Automobile, sondern auch für natürliche Lebensgemeinschaften wie etwa Regenwälder oder das Wattenmeer. Deren Beschreibung als „System“ ist immer streng handlungs- und damit interesse- beziehungsweise nutzungssorientiert.
Auch die System-Ökologie verdankt ihre Entstehung schnöden Verwertungsinteressen. Das zeigte sich schon bei der Erfindung des Begriffs „Biocoenosis“ (Lebensgemeinde), des Vorläufers unseres heutigen Begriffs „Ökosystem“, durch den deutschen Biologen Karl August Möbius (1825 bis 1908). Der Bau einer Eisenbahnlinie nach Husum hatte es den feinen Leuten in der aufstrebenden preußischen Hauptstadt ermöglicht, an größere Mengen frischer Austern zu kommen. Doch die Austernbänke waren wegen der steigenden Nachfrage bald erschöpft. So bekam Möbius den Auftrag, vor Ort zu erforschen, ob es nicht möglich wäre, an der deutschen Nordseeküste nach dem Vorbild der Austernzuchten an der französischen Atlantikküste künstliche Austernbänke anzulegen. Möbius erkannte, dass die Auster eines komplexen Beziehungsgeflechts zwischen verschiedenen Organismenarten bedarf, das an der Nordseeküste nur punktuell gegeben war. So musste er seine Auftraggeber enttäuschen. Hätte er nicht diesen klaren Auftrag gehabt, hätte es wahrscheinlich noch lange gedauert, bis den Biologen ein Licht aufgegangen wäre, denn der von Möbius geprägte Begriff der Lebensgemeinschaft hat sich erst im 20. Jahrhundert durchgesetzt.
Hätte Möbius nach etwas anderem gesucht, wäre er sicher zu einem anderen System von Beziehungen gelangt. Ökosysteme sind also Modelle der Forschung, die im Hinblick auf bestimmte Erkenntnis- und Nutzungsinteressen konzipiert werden. Sie sind keine Überorganismen, sondern mehr oder weniger sinnvolle theoretische Konstrukte. Unabhängig vom jeweiligen interessegeleiteten Blickwinkel der Menschen gibt es sie nicht. Da ich mich als Mitarbeiter des WWF selbst lange mit Fragen des Arten- und Biotopschutzes beschäftigt habe, wäre ich sicher der Letzte, der einzelnen Arten und Lebensgemeinschaften einen „Eigenwert“ unabhängig von mehr oder weniger bornierten Erkenntnis- und Nutzungsinteressen absprechen würde. Aber wir können die Natur nur mit unseren eigenen Augen sehen. Deshalb sprach der Kantianer Jakob von Uexküll in seiner „Theoretischen Biologie“ von 1920 immer von „Umwelten“ und niemals von der Umwelt. Es ist ausgeschlossen, die Natur „ganzheitlich“ zu erfassen und zu verstehen, wie das der Papst in seiner Öko-Enzyklika fordert. Das kann nur Gott. Deshalb zielt auch die Verurteilung des modernen Anthropozentrismus und Relativismus (115ff.), sofern sie sich nicht ausschließlich auf unser Verhältnis zu Gott bezieht, ins Leere. Ich stimme Papst Franziskus jedoch zu, wenn er die Menschen davor warnt, sich an die Stelle Gottes setzen zu wollen. Hier wiederholt er ohnehin nur die Ausführungen seiner Vorgänger, sieht aber nicht, dass der Versuch, das Weltklima mithilfe der Drosselung von CO2-Emissionen steuern zu wollen, gerade darauf hinausläuft.
Auch die aktuelle Klimaforschung mithilfe von Computersimulationen ist nicht primär erkenntnis-, sondern handlungsorientiert. Hinter den gängigen Klimamodellen steht das Interesse, die Vermeidung von CO2-Emissionen und die Subventionierung angeblich kohlenstofffreier „erneuerbarer“ Energiequellen zum lukrativen Geschäft auf Kosten der Armen zu machen. Das gelingt nur, wenn der an sich lebenswichtige Pflanzennährstoff CO2 offiziell zum Schadstoff erklärt wird. Welchen Einfluss CO2 auf die reale Klimaentwicklung hat, weiß bis heute niemand, denn experimentell wurde seine Rolle in der Atmosphäre nie überprüft. Es wurde global auch noch keine einzige Tonne CO2 eingespart. Im Gegenteil nahmen die Emissionen weltweit kräftig zu. Aber die Geschäfte laufen blendend. Sie werden wohl noch besser laufen, wenn der anstehende „Klima-Gipfel“ in Paris entsprechende Beschlüsse fassen sollte.
Grundsätzlich gibt es zwar bei sehr komplexen Forschungsgegenständen keine Alternative zum Verzicht auf herkömmliche Kausalerklärungen. Aber Computermodelle und andere gedankliche Konstrukte dürfen nicht mithilfe politischer Macht zur einzig verbindlichen Wahrheit erklärt werden, sondern müssen sich dem Wettbewerb mit anderen Erklärungsversuchen stellen. Nur so können sie der Wahrheit näher kommen. Indem sich Papst Franziskus ausdrücklich zu der staatlich verordneten Gleichschaltung der Klimaforschung durch den IPCC beziehungsweise eine zukünftige „Weltautorität“ bekennt, distanziert er sich unausgesprochen von der von seinem Vorgänger Benedikt XVI. in seiner Freiburger Rede vom 25. September 2011 geforderten „Entweltlichung“ der Kirche und stellt sich eindeutig auf die Seite der globalen Machtelite, die mit der Klimapolitik den Weg gefunden zu haben glaubt, aus der Vernichtung statt aus der Herstellung von Gebrauchswerten Profit schlagen zu können. Vermutlich glaubt der Papst im Sinne des Überlebens der Kirche in einer zunehmend gottlosen Welt zu handeln, wenn er diese in den politisch manipulierten „Konsens“ über die Notwendigkeit der Bekämpfung der globalen Erwärmung einbindet und seinen Schäflein Genügsamkeit predigt.
Doch fürchte ich, dass in der Öko-Diktatur im Zeichen der „Nachhaltigkeit“, auf die die Klimapolitik zusteuert, für den traditionellen Katholizismus kein Platz mehr sein wird. Als wiedergeborener Katholik glaube ich nicht, dass der von Papst Franziskus oft beschworene „neue Mensch“ durch die ökologische Umerziehung hervorgebracht wird, sondern durch die Eucharistie. Am Ende seines Schreibens kommt der Papst selbst darauf zu sprechen: „In der Eucharistie findet die Schöpfung ihre größte Erhöhung. Die Gnade, die dazu neigt, sich spürbar zu zeigen, erreicht einen erstaunlichen Ausdruck, wenn der Mensch gewordene Gott selbst so weit geht, sich von seinem Geschöpf verzehren zu lassen. Auf dem Höhepunkt des Geheimnisses der Inkarnation wollte der Herr durch ein Stückchen Materie in unser Innerstes gelangen. Nicht von oben herab, sondern von innen her, damit wir ihm in unserer eigenen Welt begegnen könnten. In der Eucharistie ist die Fülle bereits verwirklicht, und sie ist das Lebenszentrum des Universums, der überquellende Ausgangspunkt von Liebe und unerschöpflichem Leben.“ (236) In einer Welt, in der alles der Verkleinerung unseres „ökologischen Fußabdrucks“ untergeordnet werden soll, wird dieser schöne Satz, den der Papst den Lesern seines Lehrschreibens mit auf den Weg gibt, wohl bestenfalls mit Kopfschütteln quittiert werden.
Immerhin macht der Papst klar, dass er nicht bereit ist, in einigen Kernfragen des Glaubens Kompromisse einzugehen, indem er sich etwa darüber beklagt, dass westliche Staaten ihre Entwicklungshilfe für ärmere Länder von politischen Entscheidungen zugunsten der „Fortpflanzungsgesundheit“ (Umschreibung der Geburtenkontrolle durch Sterilisierung im UNO-Kauderwelsch) abhängig machen (50) und an anderer Stelle unterstreicht, dass „die Verteidigung der Natur … nicht mit der Rechtfertigung der Abtreibung vereinbar“ ist (120). Sieht der Papst nicht, dass dieses Bekenntnis seiner malthusianistischen Argumentation fundamental widerspricht? Sieht er nicht, dass die Warnung vor einer „Klima-Katastrophe“ in erster Linie dazu dient, die Geburtenkontrolle mit fragwürdigen Mitteln zu rechtfertigen?
Gott hat die Menschen nicht in ein Glashaus, sondern in eine offene Welt gesetzt, indem er ihnen den Drang zur Freiheit und Kreativität verlieh. Im Kapitel II über die Schöpfungstheologie und die Sonderstellung des Menschen in der Evolution des Universums sowie im III. Kapitel über die menschliche Wurzel der ökologischen Krise kommt das auch ansatzweise zum Ausdruck. „Man kann vom Menschen nicht einen respektvollen Einsatz gegenüber der Welt verlangen, wenn man nicht zugleich seine besonderen Fähigkeiten der Erkenntnis, des Willens, der Freiheit und der Verantwortlichkeit anerkennt“, heißt es im Abschnitt 118 der Enzyklika. In diesem Zusammenhang findet der Papst trotz seiner eingefleischten Skepsis, wenn nicht Feindschaft gegenüber dem Markt sogar lobende Worte für die Kreativität der Unternehmer: „Die Unternehmertätigkeit, die eine edle Berufung darstellt und darauf ausgerichtet ist, Wohlstand zu erzeugen und die Welt für alle zu verbessern, kann eine sehr fruchtbare Art und Weise sein, die Region zu fördern,… vor allem, wenn sie versteht, dass die Schaffung von Arbeitsplätzen ein unausweichlicher Teil ihres Dienstes am Gemeinwohl ist.“ Es sei nicht möglich, die menschliche Kreativität zurückzuhalten, betont der Papst, und hält sich deshalb auch mit einem Urteil über die Arbeit mit gentechnisch veränderten Pflanzen und Tieren zurück. Bleibt die Frage, was er unter „Gemeinwohl“ versteht.