Der Krieg in den Pariser Vorstädten und seine Hintergründe

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Früher kommunistisch, heute tribalistisch: Département Seine-Saint-Denis

Frankreich erlebt keine zehn Wochen vor den Präsidentschaftswahlen wieder einmal blutige Unruhen in den nordöstlichen Pariser Vorstädten. Inzwischen haben die Unruhen auch schon auf die Pariser Innenstadt und Provinzstädte übergegriffen. Diese Nachricht hat schon beinahe keinen Neuigkeitswert mehr, denn was im Département Seine-Saint-Denis (mit der Nummer 93) seinen Ausgang nahm, folgt einem durchaus bekannten Muster. Wie immer genügt ein Funke, um ein soziales Pulverfass zum Explodieren zu bringen. Als hätten sie die ganze Zeit nur auf ein Kommando gewartet, rotten sich junge Männer nord- oder schwarzafrikanischen Ursprungs zusammen, schmeißen Pflastersteine, Flaschen und Brandsätze in die Scheiben öffentlicher Verwaltungsgebäude oder Schulen, zünden Müllcontainer und geparkte Kleinwagen an und attackieren Polizeikräfte, die zumindest noch den Anschein erwecken sollen, der Staat versuche ernsthaft, der Situation Herr zu werden. Doch die Entwicklung im genannten Département ist nun schon seit mehr als einem ganzen Jahrzehnt außer Kontrolle.

Auslöser der Unruhen soll dieses Mal ein Polizist gewesen sein, der einen festgenommenen schwarzen Jugendlichen mit einem Teleskop-Schlagstock anal penetriert haben soll. Der angeklagte Polizist streitet die Tat ab und berichtet vom heftigen Widerstand des Drogendealers gegen die Festnahme. Wieviel daran wahr ist, kann von außen nicht überprüft werden. Zu vermuten ist allerdings, dass der Jugendliche nicht ohne Grund festgenommen wurde. Wie dem auch sei, wichtig ist, dass die jungen männlichen Einwanderer meist muslimischen Glaubens in der Polizei eine fremde Besatzungsmacht sehen, gegen die der Einsatz beinahe jeden Mittels recht erscheint. Es fällt auf, dass es sich bei den Ausschreitungen der jungen Männer um Gewaltausbrüche ohne konkrete Forderungen und jegliches politische Ziel handelt. Ihr einziger Zweck scheint das Abreagieren akkumulierter Frustrationen nach Stammes-Riten zu sein.

Da ist der Vorwurf, der französische Staat beziehungsweise die Mehrheitsgesellschaft habe die Plattenbau-Vorstädte mit einem hohen Migrantenanteil vernachlässigt, rasch zur Hand. Doch nichts wäre abwegiger. Zwar ist die kollektivistisch ausgerichtete französische Staats- und Kommunalbürokratie verantwortlich für den Bau zahlloser Trabantenstädte mit hässlichen Mietskasernen. (Frankreich besitzt heute 40 Prozent aller Sozialwohnungen in Europa, und gerade deshalb herrscht hier chronische Wohnungsnot.) Doch seit den 1990er Jahren und insbesondere nach den lang anhaltenden Vorstadtaufständen des Jahres 2005 haben die zuständigen Behörden versucht, mit Milliardeninvestitionen gegenzusteuern. Besonders problematische Mietskasernen wurden gesprengt und etwa 600 Plattenbausiedlungen mit hohem Aufwand renoviert. Besonders viel Geld steckte der französische Staat in die Schulen von Problemvierteln. Diese wurden mit psychologischem Betreuungspersonal sowie mit modernsten Computern und Bibliotheken ausgestattet.

Trotzdem beginnt die tribalistische Abkapselung vieler junger Männer mit Migrationshintergrund gerade in der Schule. Sie weigern sich, ordentlich Französisch, die Sprache der Ungläubigen, zu lernen, erkennen die Autorität des überwiegend weiblichen Lehrpersonals nicht an, orientieren sich stattdessen an der Macho-Kultur ihres „Bled“, lassen ihrem Hass auf Frankreich freien Lauf und glorifizieren offen die Blutorgien des IS. Kein Wunder, dass ein Großteil von ihnen die Schule so bald wie legal möglich abbricht und sich damit selbst der Chancen auf dem Arbeitsmarkt beraubt. Weitaus leichter tun sich die Migrantenmädchen im französischen Schulsystem, und sie finden auch leichter Arbeit. Denn Arbeitsplätze gibt es in dem ansonsten übel beleumundeten Département 93 mehr als genug. In keinem anderen französischen Département entstanden in den letzten Jahrzehnten mehr neue Arbeitsplätze als hier. Grundlage dafür waren gut ausgebaute öffentliche Verkehrsmittel und die räumliche Nähe zur Hauptstadt. Wichtigster Arbeitgeber ist der Großflughafen Roissy-Charles-de-Gaulle. Danach kommt die Nahverkehrsgesellschaft der Region Paris (RATP). Aber auch viele neue Unternehmen des Dienstleitungssektors haben sich in 93 angesiedelt. Das Bürohausviertel La Plaine Saint-Denis kann sich bald mit den Türmen von La Défense im schicken Nordwesten von Paris messen. Die Subventionsjäger haben eben schnell herausgefunden, wo es etwas zu holen gibt.

An den jungen Männern mit Mihigru ist diese Entwicklung aber fast spurlos vorübergegangen. Mehr als die Hälfte von ihnen ist als arbeitslos registriert. Sie tun sich meist schwer mit geregelter Arbeit in Großunternehmen oder öffentlichen Verwaltungen, sondern ziehen selbständige Tätigkeiten vor, die weniger Disziplin erfordern. Am leichtesten finden sie diese Bedingung im illegalen Drogenhandel. Aber auch legale Tätigkeiten wie etwa das Fahren von Uber-Taxis und andere Dienstleistungen erscheinen ihnen durchaus attraktiv. Aber hier macht ihnen der französische Bürokratismus das Leben schwer. Gleichzeitig haben viele junge Mihigru-Männer Probleme mit der Sexualität, weil sie hin- und hergerissen sind zwischen der allgegenwärtigen Pornographie und dem traditionellen Frauenbild des Islam. Nicht wenige vergleichsweise emanzipierte junge Musliminnen kehren zur Verschleierung zurück, nur um sich vor zudringlichen jungen Männern zu schützen.

Früher gehörte das Département 93 zum „roten Gürtel“ der Hauptstadt Paris. Seine Rathäuser galten als Hochburgen der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF). Doch die Arbeitermassen, die ihr einst ihre Stimme gaben, sind inzwischen größtenteils schlicht ausgestorben. An die Stelle der organisierten Arbeiterbewegung ist ein tribalistisches Lumpenproletariat getreten. Man kann über die Kommunisten denken, was man will. Eines scheint aber sicher: Sie haben über Jahrzehnte den Protest der im Nachkriegs-Wirtschaftswunder zu kurz Gekommenen politisch kanalisieren und sozusagen auf transzendente Ziele lenken können und dadurch Gewaltausbrüche verhindert. Heute werden etliche der einst roten Städte von konservativen Bürgermeistern regiert. Diese repräsentieren aber meist nur die Minderheit, die dort überhaupt noch zur Wahl geht.

Da es in Frankreich keine Meldepflicht gibt, muss sich, wer wählen will, eigens in das Wählerverzeichnis eintragen lassen. Für illegale Einwanderer kommt das natürlich nicht in Frage. Aber die meisten Bewohner der unruhigen Trabantenstädte haben einen französischen Pass. Die Sozialisten haben deshalb vor den letzten Präsidentschaftswahlen mit allerlei Tricks und hohlen Versprechungen viele Angehörige des Lumpenproletariats dazu bewegt, sich in die Wählerlisten einzuschreiben. Nicht wenige von ihnen gaben ihre Stimme François Hollande. Ob sie diesmal für Benoît Hamon oder Emmanuel Macron stimmen werden, ist ungewiss. Nicht von ungefähr ist Macron im Rahmen seines Wahlkampfes kürzlich nach Algerien gereist, um zu proklamieren, was die algerischstämmigen Wähler hören wollen: dass der Kolonialismus ein „Verbrechen gegen die Menschheit“ gewesen sei.

Allein mit dem Lockermachen von noch mehr Geld ist der Krise der französischen Vorstädte jedenfalls nicht beizukommen. Es fehlen dort heute die gewachsenen Sozialstrukturen, die mit der Arbeiterbewegung untergegangen sind. Deshalb müssen wir uns wohl auf weitere politisch blinde Gewaltausbrüche einstellen.

(zuerst veröffentlicht am 20. Feburar 2017 auf ef-magazin.de)