Wo Max Weber irrte

evangelische-kirche kapitalismus kapitalismuskritik christlicher-glaube glaubensbekenntnisNicht der Protestantismus, sondern der Katholizismus hat den Kapitalismus erfunden

von Edgar L. Gärtner
Die Wirkungsgeschichte von Max Webers vielfach zitierter Arbeit über die protestantische Ethik und den „Geist des Kapitalismus“ zeigt anschaulich, wie auch in der ach so aufgeklärten Moderne Mythen entstehen, die mit faktischen Einwänden kaum zu erschüttern sind. Der französische liberale Ökonom und Wirtschaftsjournalist Philippe Simonnot hat in seiner bewegten Laufbahn wiederholt vorgeführt, wie man auch die zähesten Mythen zerpflücken kann – und zwar durchaus nicht lediglich im Sinne einer postmodernen „Dekonstruktion“, die sich aufs Denunzieren egoistischer Motive von Autoritäten verlegt. Simonnot verfügt über phänomenales Wissen über ideengeschichtliche Zusammenhänge, insbesondere über die innigen Beziehungen zwischen Religion und Wirtschaft. Selbst Adam Smith, der Säulenheilige aller Liberalen, musste dabei schon Federn lassen.
In seinem erstmals 1998 erschienenen und 2017 aktualisierten Buch „Nouvelles leçons d’économie contemporaine“ schreckt Simonnot nicht davor zurück, auch den deutschen Soziologie-Papst Max Weber vom Sockel zu kippen. Er wirft ihm vor, in seiner oben genannten Schrift die Ideengeschichte vor dem Auftritt Martin Luthers nicht berücksichtigt zu haben. Mit anderen Worten: Weber sei der spezifisch deutschen Geschichtsbetrachtung verhaftet geblieben, wonach die Moderne mit der Reformation beginnt. Außerdem sieht Simonnot bei Weber Einflüsse des von Luther gepflegten Antisemitismus, wenn dieser das „gute“ schaffende, von der protestantischen Ethik geleitete Kapital vom „bösen“ raffenden (jüdischen) Finanzkapital unterschied. Weiterlesen

Der Kannibalismus der Gutmenschen

Nur der Totalitarismus braucht kein Feindbild
Edgar L. Gärtner

2013-11-04 17.55.52-2
Die Politik ist unser Schicksal. Oft kümmert sie sich um Probleme, die es ohne sie gar nicht gäbe. Das ist wahr. Dennoch wäre die Welt ohne Politik mit Sicherheit kein besserer Ort. Denn in einer solchen Welt gäbe es keine Trennung zwischen privaten und öffentlichen Angelegenheiten. Wir verdanken diese durchaus heilsame Trennung dem römischen Recht. Dieses machte Schluss mit der Logik des Tribalismus, die bis dahin das Zusammenleben aller Menschen regelte. Ausnahmen bildeten da nur die griechischen Stadtstaaten. In seiner „Theorie des Politischen“ (1932, 1963) hat der umstrittene Staatsrechtler Carl Schmitt hergeleitet, dass jedes staatliche Gebilde eines Feindbildes bedarf. Fehlt ein solches, bleiben nur öffentliche Verwaltungsaufgaben wie der Straßenbau, die Wasserversorgung oder die Abfallentsorgung, die man auch privatwirtschaftlich auf der kommunalen oder kantonalen Ebene lösen kann. Aufgaben wie die Pflege von Geburts- und Sterberegistern sowie Bildung und Erziehung wurden im alten Europa ohnehin nicht von der weltlichen, sondern von der kirchlichen Verwaltung übernommen. Geht es aber nur noch um Verwaltung, dann gibt es keinen Grund mehr, zwischen privaten und öffentlichen Aufgaben zu unterscheiden.
Nur wer davon überzeugt ist, in der Welt keine wirklichen Feinde zu haben, wird die nationalstaatlichen Grenzen soweit für Migranten öffnen wie Angela Merkel. Nicht wenige halten heute sogar die Definition und Pflege von Feindbildern für ein Wesensmerkmal faschistischer Ideologien. Das genaue Gegenteil ist freilich richtig. Weiterlesen