Das Leben muss ein Kampf bleiben

Bildquelle: Shutterstock
von Edgar L. Gärtner
Bettina Röhl weist in ihrem Buch „Die RAF hat Euch lieb: die Bundesrepublik im Rausch von 68 – eine Familie im Zentrum der Bewegung“ meines Erachtens zu Recht darauf hin, dass die Studentenrevolte von 1968 keinesfalls auf eine Notlage zurückging. Im Gegenteil fiel die Revolte zumindest in Deutschland mit dem Höhepunkt des „Wirtschaftswunders“ der Nachkriegszeit zusammen. In der BRD herrschte Vollbeschäftigung. Die Wirtschaft brummte. Arbeiter und Angestellte konnten sich von ihren steigenden Löhnen und Gehältern nicht nur gutes Essen, solide Möbel und Autos, sondern zunehmend auch Fernreisen und andere Luxus-Angebote leisten. Auch im Kulturleben und im persönlichen Lebensstil hatte Lockerheit mehr und mehr die Strenge der entbehrungsreichen Jahre des Wiederaufbaus verdrängt.
Nicht zuletzt wurde auch das dreigliedrige Bildungssystem durchlässiger und eröffnete neuen Bevölkerungsschichten Aufstiegschancen. (Ich habe selbst als Quereinsteiger vom so genannten zweiten Bildungsweg davon profitiert.) Schließlich war auch das Sexualleben der meisten Westdeutschen längst nicht mehr so verklemmt, wie es die Epigonen der 68er heute oft hinstellen, um nachträglich die Notwendigkeit einer sexuellen Revolution zu begründen. Dass dem nicht so war, zeigt schon der kommerzielle Erfolg der Sex-Ratgeber Oswald Kolles oder auch das Nackt-Finale des New-Age-Musicals „Hair“. Ich selbst durfte um diese Zeit selbst in meinem katholischen Elternhaus schon mit meiner Freundin schlafen. Kurz: Gerade auch den jungen Menschen ging es gegen Ende der 1960er Jahre äußerlich so gut wie nie zuvor. Sicher gab es danach, angestoßen vom Kommunikationserfolg der 68er, noch weitere Schritte auf dem Weg zur totalen sexuellen „Befreiung“ beziehungsweise Enthemmung oder Entsublimierung, wie sie heute u.a. am Christopher Street Day (CSD) gefeiert wird. Aber im Prinzip haben die 68er nur offene Türen eingerannt.
Doch wenn es den Menschen so richtig gut geht, werden sie leicht übermütig, vergessen, welche Opfer notwendig waren, um zum Wohlstand zu gelangen. Weiterlesen



Der „liberale“ Journalist Tobias Huch hat in dem auf Esoterik spezialisierten Verlag eine eigene Übersetzung der Jefferson-Bibel veröffentlicht. Thomas Jefferson (1743-1826) gehörte bekanntlich zu den Gründervätern der USA. Er galt nicht nur als der europäischen „Aufklärung“ verpflichtet, sondern auch als bibelfest. Allerdings verstand er die Bibel als Märchenbuch und wollte sie nur als moralische Anleitung verstehen. Er sah folglich alles, was darin über Wunder (einschließlich des Wunders der leiblichen Auferstehung Jesu Christi nach seinem Kreuzestod) berichtet wird, als überflüssig, wenn nicht irreführend und schädlich an. Als eine Zumutung muss ihm auch die Offenbarung des Johannes erschienen sein. So eliminierte er alles, was dem Geist der „Aufklärung“ widersprach und schuf damit ein Kompendium erbaulicher Sprüche und Handlungsempfehlungen, das sich heute wohl gut als Glaubensbekenntnis einer die „woke“ Einheitsreligion fordernden gnostischen Sekte eignen würde. Das Kompendium wurde allerdings erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, also lange nach Jeffersons Tod, in Amerika veröffentlicht. Abgesehen von England, blieb das Büchlein, da nicht übersetzt, in Europa bislang weitgehend unbeachtet. Ob die nun vorliegende deutsche Übersetzung Wesentliches daran ändern wird, muss sich zeigen. Immerhin könnte Jeffersons Kompendium meines Erachtens die Erkenntnis fördern, dass die europäische „Aufklärung“, auf die sich Liberalismus und Sozialismus gleichermaßen berufen, im Kern eine in Selbstbeweihräucherung schwelgende gnostische Bewegung war. Vielleicht weckt die Jefferson-Bibel aber auch das Interesse an der richtigen Bibel. Die vier Evangelien des Neuen Testaments sind keine Sammlungen von Anekdoten, sondern Porträts des Erlösers Jesus Christus aus vier verschiedenen Perspektiven: Im Matthäus-Evangelium ist Jesus der König, im Markus-Evangelium hingegen der Gottesknecht, im Lukas-Evangelium der Seelenarzt und im Johannes-Evangelium schließlich das Fleisch gewordene Wort. Bibelforscher haben zeigen können, dass darin nichts zufällig ist. Edgar L. Gärtner
Ich gehöre sicher nicht zu den „Promis“, weil ich es, meinem Charakter entsprechend, vorziehe, im Hintergrund zu arbeiten. Deshalb gehöre ich auch nicht zu den Erst-Unterzeichnern der von Vera Lengsfeld initiierten und vom Dresdner Romancier Uwe Tellkamp auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse lancierten „Gemeinsame Erklärung 2018“ von Autoren. Ich habe mich dann aber ohne langes Nachdenken in die stündlich wachsende Zahl von Mitunterzeichnern eingereiht, sobald ich die nur aus zwei Sätzen bestehende Erklärung zu Gesicht bekam. Selbstverständlich ging es dabei auch um die Frage, ob ich mich da in guter Gesellschaft befinde.
Der Katholik Martin Mosebach, bekannt als Autor erfolgreicher Romane wie auch als scharfer Kritiker der Liturgie-Reform seiner Kirche nach dem II. Vatikanum, sieht im Bluts-Zeugnis der im Februar 2015 am libyschen Strand von vermummten IS-Terrorsten hingerichteten 21 christlichen Wanderarbeiter einen Anlass, um der Frage nachzugehen, wie die römische Kirche die Unterwerfung unter die relativistische Zivilreligion beziehungsweise die Islamisierung noch verhindern könnte. Das ägyptische Urvolk der Kopten hat 1.400 Jahre unter der Herrschaft des Islam – offenbar geistig unbeschadet – überstanden. Heute ist die Zahl der Kopten größer als je zuvor. Wie groß genau, verheimlicht die ägyptische Regierung allerdings. Die koptische Kirche, deren Zeitrechnung mit der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Diokletian beginnt (sie schreiben heute das Jahr 1800), verstand sich von Anfang an als Kirche der Märtyrer. Die römische Kirche hingegen ermöglichte ihren Mitgliedern nach der konstantinischen Wende weltlichen Erfolg. Gestützt auf das römische Recht, bekämpfte sie Häresien wie Manichäismus oder Millenarismus und nicht zuletzt den Islam zum Teil auch militärisch und war dabei zeitweise erfolgreich. Heute droht dem Christentum in Westeuropa trotzdem das Ende. Die Kopten hingegen haben die islamische Eroberung Ägyptens widerstandslos ertragen und dennoch ihren Glauben bewahrt. Das wirft die Frage nach dem Sinn unseres Geschichtsbildes auf: „Unser historisches Bewusstsein ist stark von den Rupturen und Traditionsbrüchen geprägt, welche die Epochen der europäischen Geschichte scharf voneinander abheben“, stellt Mosebach fest. „Darüber ist unser Sinn für die Kontinuitäten der Geschichte geschwächt worden, das Gefühl dafür, dass die Vergangenheit die Geschichte unserer Herkunft ist und in uns, bewusst oder unbewusst, fortdauert. (…) Nach Jesu Himmelfahrt lebte die Welt in einem ständigen Jetzt.“ 
